Oliver Tietze Gelebte Augenblicke
*1965
© beim Autor Im
baltisch Bernsteinstück die Langbeinfliegen:
Seit fünfzig Jahrmillionen
unverdrossen,
Sind sie von edlem gelben Harz
umflossen.
Sag, konnten sie
Vergänglichkeit besiegen?
Wild flügelnd hatten sie den
Tanz genossen.
Der eine konnt die andere fast
kriegen.
Gelöst durch harzend Stammes
federnd Biegen
Hat plötzlich sie der Tropfen
eingeschlossen.
Ein Zentimeter trennt die zwei
für immer.
Was ich in den Facetten noch
erblicke,
Ist unauslöschlich lusttolles
Geflimmer.
Bei unsrer Zungen freudigem
Gestricke
Vergessen wir den ewgen
Bernsteinschimmer:
Viel schöner sind gelebte Augenblicke.
*1965
© beim Autor Erzähle
mir, wo bin ich hier gelandet:
Krater und Karst, soweit mein
Auge reicht.
Aus nahn und fernen Spalten
Dampf entweicht.
Das Haus von schwarzem
Schlackenfluß umrandet.
Wie seltsam es apokalyptisch
gleicht
Dem leeren Nebenhaus völlig
versandet
Und jenem, das ihr nicht mehr
wiederfandet.
Wird mir die Seele schwer
hier? Wird sie leicht?
Gelbginster wächst am Fuße des
Vulcano.
Ein Donnern ist aus qualmend
Schlot zu hören
Er feuerwerkt seit dazumal und
anno.
Im Tal erstehen neue schlanke
Föhren.
Drauf einen guten Rotwein,
Siciliano:
Vulkanisch Kraft kann kein
Vulkan zerstören.
Oliver Tietze Sonett-Werkstatt
*1965
© beim Autor Das Ding muß in die Werkstatt weil
es rasselt,
Ganz merkwürdig das
Wort-Getriebe knarrt,
Die Kompression den Dümmsten
nicht mehr narrt,
Der Sonntagsdichter hat's
perfekt vermasselt.
Den Elfer-Schlüssel! Ruft der
Meister hart.
Wer hat dieses Sonett nur so
zerquasselt,
So metaphorisch kitschig, daß
es prasselt?
Gäb es doch Sorgfalt mehr in
jedem Part.
Mir scheint die
Treibstoffmischung schlecht bemessen.
Der Meister spricht es und
verstellt gewitzt
Den Zündpunkt streng nach
Lesers Interessen.
Als die Quartinenkupplung
endlich sitzt
Hätt er die Probefahrt beinah
vergessen
Weil das Sonett jetzt klingt
und sauber blitzt.
*1965
© beim Autor Vorm
Wald am Elbesaum steht eine Weide
Und taucht ihr Strähnenhaar
leicht in den Fluß.
Als neigt sich diese Schöne
mir zum Gruß
Bedeckt mit Wasserperl‘n und
Schaumgeschmeide.
Kühl fließt das Wasser um der
Eiche Fuß.
Bis gestern stand es erst zum
Strich aus Kreide
An schlanker Buche glattem
Rindenkleide
Und bis zum Hals der jungen
Haselnuß.
Daß es so bleibe, hofft jetzt
schlau der Biber
Die Fischlein schwimmen gerne
durch den Wald
Mir wären trockne Wanderfüße
lieber.
Viel ruhiger schaukelt
Holzkahn Esmerald
Bleßhuhn und Ente packt das
Frühlingsfieber
Der Weide lange Strähnen grünen
bald.
*1965
© beim Autor Steinerner
Herrscher, reich wie giebelmächtig.
Die Turmuhr zeigt den Dohlen
ihre Zeit
Mit schweren Bronzeglocken zum
Geleit
Sie läuten mehrstimmig und
sehr bedächtig.
Im Innenraum gesprochnes Wort
trägt weit
Gedämpft fällt Licht durch
Fenster bilderträchtig
Vor Marmorsäulen wirken wir
fast schmächtig
Die große Orgel steht zum
Spiel bereit.
Einer zeichnete den ersten
kühnen Plan.
Die spätern Planer folgten
anders nach.
Der Glaube trieb den Bau so
nimmermüd voran
Durch die Jahrhunderte voll
Ungemach.
Reicht ein Tag, sich diesem
ewgen Dom zu nahn?
Wie viel Entdeckenswertes
liegt noch brach?